Arbeitsakte · Profiler Case File #1
Analysefall · Bahnstrecke Stuttgart–Hamburg · 23. November 1994
Sie arbeiten mit dem vorliegenden Material.
Die Analyse, Gewichtung und Schlussfolgerung übernehmen Sie selbst.
Arbeiten Sie Abschnitt für Abschnitt. Notieren Sie Hypothesen vor dem Weiterlesen — und markieren Sie alles, was offen bleibt.
Hinweis: Es gibt keine Musterlösung im Sinne von richtig oder falsch. Am Ende erhalten Sie eine Einordnung aus Profiler-Sicht — als Abgleich, nicht als Urteil.
Arbeiten Sie nicht linear. Lesen Sie nicht „durch“.
Analyse entsteht im Vergleich — besonders dort, wo sich Informationen widersprechen.
Grundlogik: Tatbild → Spuren → Entscheidungen → mögliches Täterprofil
Bestand
Diese Akte ist kein Text zum „Durchlesen“, sondern Material zur Analyse.
Alles, was enthalten ist, dient dem Abgleich — nicht der Erklärung.
Gesicherter Stand der bekannten Ausgangslage — ohne Deutung, ohne Einordnung.
Protokollartige Angaben und Auszüge, die einzeln gelesen und geprüft werden müssen.
Darstellungen zur räumlichen Orientierung und zur Einordnung von Lagebeziehungen.
Details, die Fragen aufwerfen, Abweichungen markieren oder weiterer Klärung bedürfen.
Platz für Beobachtung, Hypothesen, Ausschluss, Belastungstest und Verdichtung.
Fachlicher Referenzrahmen zur Einordnung der Befunde — ohne Falllösung oder Bewertung.
Orientierung
Für die Analyse ist kein festgelegter Einstieg erforderlich. Maßgeblich ist der Abgleich des vorliegenden Materials sowie die saubere Trennung von Beobachtung und Deutung.
Ausgangslage, Auffinden und Rahmenbedingungen bilden die erste Orientierungsebene.
Abweichungen vom Erwartbaren markieren potenzielle Analyseansätze.
Informationen unterscheiden sich in ihrer Relevanz. Nicht jede Spur besitzt strukturelles Gewicht.
Neue Befunde können bestehende Annahmen verändern oder aufheben.
Arbeitsmodus
Profilerarbeit beginnt nicht mit Gewissheit, sondern mit Unsicherheit, offenen Fragen und widersprüchlichem Material.
Informationen stehen nebeneinander. Spuren widersprechen sich. Erste Annahmen wirken tragfähig – und brechen später weg.
Diese Akte ist so aufgebaut, dass Sie genau diesen Prozess durchlaufen: prüfen, verwerfen, neu gewichten.
Wenn Sie an einem Punkt feststecken oder Ihre Linie verlieren, ist das kein Fehler, sondern ein normaler Teil analytischer Arbeit.
Professionelle Analyse bedeutet nicht, jederzeit sicher zu sein, sondern Unsicherheit auszuhalten, bis belastbare Zusammenhänge erkennbar werden.
Diese Akte dokumentiert den bekannten Sachstand eines ungeklärten Todesfalls.
Die Darstellung erfolgt strikt getrennt nach Beobachtung, Befund und Einordnung.
Tatbeschreibung
Die folgende Darstellung gibt den dokumentierten Sachstand wieder, wie er zum Zeitpunkt des Auffindens festgestellt wurde. Sie enthält keine Bewertung, keine Einordnung und keine Schlussfolgerung.
Aktenmaterial Dokumentierter Sachverhalt
TATORTBEFUND
Die folgenden Angaben beschreiben den Zustand des Raums zum Zeitpunkt des ersten dokumentierten Zugangs. Sie geben ausschließlich feststellbare Merkmale wieder.
Legende – Raumstruktur des Abteils
Legende – Spuren und Gegenstände im Abteil
Anlage 2B Lage von Spuren und Gegenständen im Abteil.
Legende – Spuren und Gegenstände im Abteil
Tatortbefund
Der folgende Abschnitt dokumentiert den Zustand und den Aufbau des Liegewagenabteils zum Zeitpunkt des ersten gesicherten Zugangs. Die Angaben erfolgen ohne Bewertung oder Interpretation.
Legende – Lage von Spuren und Gegenständen im Abteil
Legende – Lage von Spuren und Gegenständen im Abteil
Tatortbefund
Der folgende Abschnitt dokumentiert einzelne Spuren, Lageveränderungen und festgestellte Details. Die Darstellung erfolgt rein beschreibend und ohne Bewertung.
Legende – Funde im Gangbereich
Legende – Detailansicht Ablage unter dem Fenster
Legende – Funde im Gangbereich
Legende – Detailansicht Ablage unter dem Fenster
Textmaterial
Die folgenden Textpassagen geben protokollierte Aussagen und dokumentierte Feststellungen wieder, wie sie im Rahmen der ersten Erhebungen vorlagen. Die Darstellung erfolgt ohne Einordnung und ohne Bewertung.
Aktenmaterial
Die folgenden Angaben geben die rechtsmedizinisch dokumentierten Befunde wieder. Sie beruhen auf äußerer Leichenschau und Obduktion. Die Darstellung erfolgt ohne Bewertung, ohne Rekonstruktion und ohne Schlussfolgerung.
Aktenmaterial
Die folgenden Angaben beschreiben Blutspuren, deren Verteilung sowie biomechanische und physikalische Befunde. Die Darstellung erfolgt ohne Rekonstruktion und ohne Annahmen zu handelnden Personen.
Aktenmaterial
Die folgenden Angaben stellen dokumentierte Zeitpunkte und Zeitfenster dar.
Eine vollständige Abfolge oder Bewertung ergibt sich daraus nicht.
Aktenmaterial Dokumentierte Eckdaten
Einstieg in den Zug
Einstieg in Frankfurt am Main. Fahrt in Richtung Hamburg Hauptbahnhof.
Tatzeitfenster (dokumentiert)
Dokumentierter Tatzeitraum am Freitag, 23. November 1994.
Weckruf / Erster Kontakt am Abteil
Öffnung der von innen verschlossenen Abteiltür mit Zentralschlüssel. Betreten des Abteils wird verhindert. Wörtliche Äußerung aus dem Inneren: „Es ist alles okay!“
Auffällige Funde im Gang
Etwa sieben Minuten nach dem ersten Kontakt: Scheckkarte und schwarze Wollsocke im Gang vor dem Abteil; goldener Ehering in ca. sechs Metern Entfernung zur Abteiltür.
Planmäßige Ankunft in Bremen
Planmäßige Ankunft des Zuges in Bremen.
Hinweis: Die dargestellten Zeitpunkte sind dokumentierte Fixpunkte.
Eine Rekonstruktion des Geschehens ergibt sich daraus nicht automatisch.
Ab hier beginnt Ihre Arbeit.
Bis hierhin hatten Sie Material. Ab jetzt ordnen Sie es.
Es gibt in diesem Abschnitt keine Führung, keine Reihenfolge und keine Einordnung von außen. Sie entscheiden, was trägt, was irritiert und was zunächst offen bleibt.
Zur Orientierung finden Sie an passenden Stellen Arbeitsfragen. Sie sind kein „Test“, sondern ein Arbeitsrahmen.
Notieren Sie nicht „Ergebnisse“. Notieren Sie Beobachtungen, Widersprüche, Hypothesen – und das, was Sie bewusst verwerfen.
Wenn Sie die folgenden Arbeitsblätter lieber ausdrucken möchten, finden Sie im Bereich Download & Druckversion eine druckoptimierte PDF-Fassung der Unterlagen.
Arbeitsblatt 01
Halten Sie fest, was vorliegt — unabhängig davon, was es bedeuten könnte.
Keine Deutung. Keine Einordnung. Nur überprüfbare Feststellungen.
Regel: Trennen Sie Beobachtung strikt von Interpretation.
Formulieren Sie so, dass ein Dritter die Feststellung prüfen könnte.
Analytischer Schritt
Die folgenden Punkte sind vorläufige Denkansätze. Sie entstehen aus dem bisher dokumentierten Sachstand und bleiben bewusst offen. Jede Annahme muss durch Befunde gestützt werden — oder scheitern.
Arbeitsblatt 02
Formulieren Sie mehrere mögliche Deutungsrichtungen — bewusst vorläufig.
Eine Arbeitsannahme ist kein Ergebnis, sondern ein prüfbarer Denkansatz:
Welche Befunde erklärt sie — und welche Befunde müsste sie zwingend aushalten?
Regel: Halten Sie mindestens zwei Annahmen parallel.
Trennen Sie dabei strikt zwischen Befund und Schlussfolgerung.
Formulieren Sie Annahmen so, dass klar ist, woran sie scheitern könnte.
Arbeitsrahmen
Analyse bedeutet nicht, „alles“ zu denken. Analyse bedeutet: innerhalb eines definierten Rahmens prüfen, welche Annahmen mit dem dokumentierten Sachstand vereinbar sind — und welche daran scheitern.
Arbeitsblatt 03
Dieser Schritt dient der Reduktion. Nicht alles, was denkbar ist, trägt. Streichen Sie konsequent, was mit dem dokumentierten Sachstand nicht vereinbar ist.
Regel: Ausschluss ist kein „Nein aus Gefühl“, sondern ein „Nein aus Befund“.
Notieren Sie exakt, was Sie verwerfen — und den konkreten Befund, warum es nicht trägt.
Welche Ihrer bisherigen Annahmen scheitern am Tatbild, am Raumzustand oder am Zeitrahmen — und woran genau?
Wo widersprechen sich Beobachtungen, Spuren oder Aussagen? Welche Widersprüche lassen sich mit dem Material nicht auflösen?
Welche Annahmen bleiben bestehen, wenn Sie alle nicht belegbaren Elemente konsequent entfernen?
Worauf verdichtet sich der Fall nach dem Ausschluss? Welche wenigen Linien bleiben übrig — weil sie am wenigsten kollidieren?
Analytischer Schritt
Analyse bedeutet nicht, eine Erklärung festzuschreiben. Analyse bedeutet, den Entscheidungsraum zu strukturieren.
Handlungen entstehen nicht aus einer einzigen „zwingenden“ Lösung, sondern aus Alternativen unter konkreten Bedingungen (Zeit, Raum, Möglichkeiten, Risiken, Zugang).
Für jede Arbeitsannahme stellt sich daher nicht die Frage, ob sie „richtig“ wirkt, sondern welche anderen Optionen zum selben Zeitpunkt realistisch verfügbar waren.
Profilerarbeit beginnt hier: nicht bei Antworten, sondern bei der Struktur der möglichen Entscheidungen — und ihren Grenzen.
Erst wenn sichtbar wird, welche Wege offenstanden, lässt sich prüfen, welche Linie am wenigsten kollidiert — und welche scheitert.
Arbeitsblatt 04
Eine Hypothese ist nur dann brauchbar, wenn sie am Material scheitern kann. Prüfen bedeutet: Was stützt sie? Was widerspricht ihr? Und was fehlt, um sie überhaupt belastbar zu prüfen?
Regel: Prüfen Sie nicht „Plausibilität“, sondern Befund-Kompatibilität.
Notieren Sie stützende Punkte nur dann, wenn sie konkret benennbar sind.
Markieren Sie Widersprüche klar — und lassen Sie offene Lücken als „fehlt“ stehen.
Analytischer Schritt
Nach der Hypothesenprüfung geht es nicht darum, „die richtige“ Antwort zu finden. Es geht darum, die Zahl der tragfähigen Linien zu reduzieren — und klar zu markieren, was dafür erfüllt sein müsste und wo die Linie bricht.
Hinweis: Verdichtung heißt nicht „Sicherheit“. Verdichtung heißt: eine Linie, die ohne unnötige Annahmen trägt — und offen markiert, wo sie noch nicht trägt.
Arbeitsblatt 05
Treffen Sie nun eine bewusste Entscheidung. Nicht als Ergebnis — sondern als klare Arbeitslinie. Diese Linie wird nicht geschützt, sondern gezielt belastet.
Aufgabe: Formulieren Sie eine präzise Entscheidungslinie.
Keine Absicherung, keine Alternativen, keine Relativierung.
Gegenprobe: Welcher einzelne Befund würde diese Linie am stärksten entkräften?
Unterlagen
Wenn Sie nicht am Bildschirm arbeiten möchten, können Sie die Unterlagen hier als PDF herunterladen und ausdrucken. Das Arbeitsbuch enthält alle Inhalte des digitalen Falls in druckoptimierter Form. Zusätzlich stehen die Tatort-Grafiken sowie leere Notizseiten separat zur Verfügung.
Hinweis: Für den Druck empfiehlt sich A4. Schwarz-Weiß reicht — die Unterlagen sind auf Lesbarkeit ausgelegt.
Profiler-Einordnung
Sie haben beobachtet, reduziert, geprüft und eine Linie gezogen.
Auf dieser Ebene ist die analytische Arbeit abgeschlossen.
Die folgenden Einschätzungen stehen nicht über Ihrer Arbeit und bewerten sie nicht. Sie dienen als fachliche Referenz: eine mögliche Einordnung aus Sicht des Profilers.
Ab diesem Punkt geht es nicht mehr um Ihre Entscheidung — sondern um den Abgleich mit einer analytischen Perspektive, die auf Erfahrung, Fallvergleich und struktureller Bewertung beruht.
Die folgende Profiler-Einordnung enthält die vollständige fallanalytische Perspektive auf das zuvor dargestellte Material.
Öffnen Sie diesen Abschnitt erst, wenn Sie Ihre eigene Analyse abgeschlossen haben.
Fallanalytische Einordnung
Die folgende Einordnung ist eine fachliche Perspektive aus Profiler-Sicht.
Sie ersetzt Ihre Analyse nicht und bewertet sie nicht.
Sie dient als Referenzrahmen: Abgleich zwischen Ihrem Arbeitsweg und einer analytischen Lesart des Materials —
einschließlich dessen, was offen bleiben muss.
Abschluss
Dieses Case File endet nicht mit einer Lösung, sondern mit einer Entscheidungslinie — und den Befunden, die sie tragen oder entkräften.
Jeder Fall steht für sich. Und jeder verlangt eine eigene Analyse.
Was Sie daraus mitnehmen, liegt nicht im Text — sondern in Ihrer Arbeit damit.
Bis hierhin.
Axel Petermann